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Medizinischer Tourismus und plastische Chirurgie in Brasilien

Der Begriff Medical Tourism, zu Deutsch Medizintourismus oder Gesundheitstourismus, beschreibt die Tendenz in der Bevölkerung von Industrieländern, ärztliche Leistungen im Ausland in Anspruch zu nehmen. Zu den wichtigsten Zielgebieten gehören Osteuropa und die asiatischen Staaten Indien, Malaysia", und Thailand. Im Bereich der privaten Gesundheitsversorgung bieten diese Länder eine gute Infrastruktur und qualifizierte Fachkräfte bei einem deutlich niedrigerem Preis.

Auch Brasilien fügt sich in dieses Profil ein. Neben zahnärztlichen Dienstleistungen - im Schnitt 30-40% preiswerter als in den USA, bei gleicher Qualität - zählen vor allem schönheitschirurgische Eingriffe zu den häufigsten Motiven für Medizintourismus nach Brasilien. Hauptgrund hierfür ist ein mächtiger und autarker Binnenmarkt, nach brasilianischen Angaben der zweitgrösste der Welt, mit einer dementsprechend gut entwickelten Infrastruktur und attraktiven Preisen. So war im Jahre 2008 eine Fettabsaugung in Rio de Janeiro mit Preisen ab 1000 Euro deutlich günstiger als in Deutschland. Die brasilianische Kultur steht kosmetischen Aufbesserungen aufgeschlossen gegenüber und betrachtet Verbesserungen an Nase, Bauch oder Brust als ebenso legitim wie eine Gebiss-Korrektur. Gleich mehrere Fachmagazine widmen sich dem Thema, und die Nachfrage ist dementsprechend informiert und kritisch. In Verbindung mit dem schönen Klima lockt diese Ausgangslage auch Medizintouristen aus Europa, den USA und dem nahen Osten nach Brasilien.

Was sind die Vor- und Nachteile einer plastischen Chirurgie am Zuckerhut, was sollte man bedenken und worauf sollte man achten? Der wichtigste Punkt gilt für Brasilien genau wie für Deutschland: Jede Schönheitsoperation hat ihre Risiken, und kein Eingriff sollte spontan angegangen werden. Interressierte sollten sich ausführlich die Grundrisiken des geplanten Eingriffs informieren. Eine ehrliche Rücksprache mit dem Hausarzt und ein gründlicher Gesundheitscheck gehören zum absoluten Pflichtpogramm, zumal eine Reise in die Tropen das Immunsystem eher zusätzlich beansprucht als entlastet. Ein ebenso fundamentaler Punkt ist die Sprachbarriere: Englisch ist in Brasilien nicht universell verbreitet und Missverständnisse sind an der Tagesordnung. Ein ortskundiger Übersetzer muss deswegen bei allen entscheidenden Gesprächen zugegen sein. Wer diesen Hintergrund nicht im Vorfeld erarbeitet hat, sollte von medizinischem Tourismus in Brasilien absehen.
 
International geniessen brasilianische Privatkliniken einen sehr guten Ruf. Viele brasilianische kosmetische Chirurgen wurden in den USA ausgebildet, sind Mitglieder der American Society of Plastic and Reconstructive Surgeons und vom American Board of Plastic Surgery zertifiziert. 25 brasilianische Privatkliniken besitzen ein Zertifikat der Joint Commission International (JCI), einer internationalen Organisation für medizinische Qualitätsstandarts, und gelten als führend in Lateinamerika. Weitere Qualitätsmerkmale sind die Zertifikate der brasilianischen Organisation für medizinische Qualität (ONA) und des brasilianischen Gesundheitskonsortiums.
 
Bei der Auswahl der Klinik gelten die gleichen Grundregeln wie sonst auch: Der Vertragspartner - Klinik, Arzt oder Vermittlungsagentur - muss von sich aus für eine professionelle Voruntersuchung einplanen, um individuelle Risikofaktoren auzuschliessen. Ausserdem sollte der Vertragspartner der brasilianischen Gesellschaft für plastische Chirurgie (Sociedade Brasileira de Cirurgia Plástica) angeschlossen sein bzw. von dieser empfohlen werden. Ebenfalls zum Pflichtprogramm gehört das Formular des kürzlich erstmals erschienenen "Informationsprotokolls für plastische Chirurgie" (Protocolo Informativo) der staatlichen medizinischen Kontrollbehörde Conselho Federal de Medicina (CFM), das zusammen mit dem Vertragspartner Punkt für Punkt durchgegangen und in zweifacher Ausführung unterschrieben werden sollte. Unter anderem hält das Dokument fest, ob die Krankengeschichte des Patienten besprochen und über mögliche Nebenwirkungen informiert wurde, welche Geräte zum Einsatz kommen sollen und welche Nachbehandlungen geplant sind.

Untersuchungen des nationalen Umfrageinstituts IBOPE zufolge wurden 2009 rund 640.000 in Brasilien schönheitschirurgische Eingriffe durchgeführt, 82% davon an Frauen. Dabei liegt die Zahl der offiziellen Streitfälle ausgesprochen niedrig: Lediglich 62 der rund 1.000 im Jahr 2010 vom CMF registrierten Beschwerden fielen in den Bereich kosmetische Chirugie, zudem lägen dem Grossteil der 500 im letzten Jahrzehnt diesbezüglich bearbeiteten Fälle weniger ärztliche Inkompetenz als vielmehr geschmackliche Differenzen oder Schweigepflichtsverletzungen zugrunde. Laut Auskunft der brasilianischen Tourismusbehörde Embratur reisten 2005 knapp 50.000 Menschen nach Brasilien, um dort medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen. 90% davon - so Embratur - planen, dies erneut zu tun. 
 
Grundsätzlich gilt, wie bei anderen gesundheitstouristischen Reisen auch, dass bei einem Streitfall kaum Chancen auf Erfolg bestehen, denn ohne spezifische Vereinbarungen gilt das Recht des Auslandsstaates. Zwar kann ein Anbieter in Deutschland verklagt werden, wenn er dort auf Messen oder per Zeitungsanzeige geworben hat, Werbung über das Internet ist bei dieser Regelung jedoch nicht mit eingeschlossen.